Wir haben einen Kater. Er stammt aus dem Tierheim und ist seit Anfang an (2012) sehr fordernd. Werden seine Wünsche nicht erfüllt, macht er Terror. Andererseits ist er sehr verschmust und deshalb bei meinem Mann und meiner Verwandschaft sehr beliebt. Ich bin aber die, die sich tägtäglich mit ihm auseinandersetzen muss. Ich habe einfach keinen Bock mehr (und keine Zeit, da vor ein paar Monaten Mutter geworden). Bin ich ein schlechter Mensch wenn ich ihn abgeben will? Alle andern sagen das... Emma, 29

18. September 2017
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Liebe Emma

Wenn man ein Tier aus dem Tierheim holt, ist es, als würde man die Katze im Sack kaufen. Schliesslich weiss man nicht, was das Tier bereits erlebt hat und welchen "Rucksack" an Erfahrungen es mitbringt. Sie können sich darüber ärgern, dass Sie sich das nicht genug überlegt hatten, aber hey, es hätte auch gut gehen können. Danach ist man immer schlauer. Nun haben Sie in der Zwischenzeit noch ein Baby bekommen - herzliche Gratulation dazu - und es ist verständlich, dass sie Ihre Energie anderweitig brauchen. 

Mir ist bewusst, dass ich mit meiner Meinung viele Tierliebhaber gegen mich aufbringen werde, aber in meinem Leben haben Menschen Vorrang vor Haustieren. Ich würde mich nicht für ein Tier aufopfern, wie es andere gern tun. Ich würde für einen Hund oder eine Katze nicht zurückstecken oder Dinge nicht tun, die mir wichtig sind. Darum bin ich konsequent und halte keine mehr. Und ich habe auch mässig Verständnis, wenn ich zwischen Facebook Statusmeldungen von Menschen, die ein Kind oder den Partner verloren haben einen "Mein geliebtes Büsi ist über die Regenbogenbrücke gegangen-Post" sehe, der formuliert ist, als wäre ein Mensch gestorben. Mir ist klar, dass ein Haustier eine sehr wichtige Rolle einnehmen kann und dass man viel Nähe aufbaut, ich bin selber mit Hund und Katze aufgewachsen und habe beide heiss geliebt. Aber irgendwie kommt manchen die Verhältnismässigkeit abhanden und dann wird das Tier zum Partnerersatz und alles wird bitz pervers. 

Ihr Leben hat sich mit dem Kind verändert und Sie dürfen jeden Tag neue Entscheidungen treffen. Auch gegen die Katze. Es ist Ihr Alltag und es ist Ihr Leben und alle andern, die da die grosse Moralkeule schwingen, stehen nicht in Ihren Schuhen. Es gehört zum Erwachsen werden dazu, dass man unpopuläre Entscheidungen trifft. Heute geht es um die Katze, mit der Zeit werden diese Entscheidungen grösser und folgeschwerer. Das gehört dazu, willkommen im echten Leben! Können Sie sich vorstellen, dass man unter gewissen Umständen als Mutter vor der Entscheidung steht, das Kind in ein Heim zu geben? Ist es da ratsam auf andere zu hören oder muss man da umso mehr der eigenen Stimme Gewicht geben? Ein krasses Beispiel, schon klar. Aber manchmal tut es auch einfach gut, die Dinge wieder in der richtigen Relation zu sehen, nicht?

Wann immer Sie vor so einer Entscheidung stehen und nicht wissen, was tun, können Sie sich vorstellen, Sie liegen in vielen vielen Jahren auf dem Sterbebett und schauen auf Ihr langes Leben zurück. Was werden Sie bereuen und was nicht? 

Na also. Geht doch!

Herzlich, Ihre Kafi 

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