Guten Tag Frau Freitag. Ich suche für eine Geschäftsstelle einen CEO und habe mir 46!!! Frauen und Männer angesehen und habe nun 2 Männer in der engsten Auswahl. Beide sind top qualifiziert und haben hervorragende Referenzen, Berufserfahrungen. Es fällt mir sehr schwer, mich zwischen den beiden zu entscheiden. Ich könnte den Weg eines professionellen Assessments gehen, aber der ist sehr zeitaufwendig und kostspielig. Vielleicht wissen Sie einen Trick? Was halten Sie von grafologischen Gutachten? Wie würden Sie vorgehen? Danke für Ihren Input! Ihre Caroline, 41

28. März 2016
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Liebe Caroline

Wow! Eine kurze und richtig spannende Frage. Danke dafür! Wie Sie vielleicht wissen, habe ich vor nicht allzu langer Zeit jeweils samstags in einem sehr renommierten Brautmodengeschäft in Zürich als Beraterin gearbeitet. Das war eine Not-Massnahme, die ich ergreifen musste, weil ich nach meiner eigenen Hochzeit vor 2 Jahren nicht aufhören konnte, weiterhin Brautmagazine zu kaufen und billige TV-Sendungen zu schauen, die sich um den Kauf des Brautkleides drehen. Also bewarb ich mich spontan beim Besitzer dieses Geschäfts, und obwohl er eigentlich keine freie Stelle hatte, lud er mich zum Interview ein. Dieses dauerte etwa eine Stunde und mutete an, als hätte ich mich für den Job eines Bankdirektors beworben. Er setzte dem Ganzen noch einen drauf, in dem er um eine Schriftprobe für ein grafologisches Gutachten bat. So eines hatte man zuletzt vor knapp 20 anfertigen lassen, als ich durch ein 2wöcchiges Assessment geschleust wurde, bevor ich Filialleiterin einer deutschen Modekette wurde.

Ich war sehr überrascht, dass man heute noch damit arbeitet, weil es doch schon sehr viel Interpretationsraum lässt, aber gleichzeitig war ich sehr gespannt, weil ich schon auch denke, dass die Handschrift ein erweiterter Teil der eigenen Persönlichkeit darstellt. Das Ergebnis war sehr erstaunlich; erkannte ich mich doch in jeder Aussage wieder. Der Geschäftsführer war etwas enttäuscht, hatte er doch erwartet, wenigstens eine Leiche in meinem Keller zu finden, aber da ich mit meinen Abgründen einen kollegialen Umgang pflege, war das Gutachten aus dem Fenster geworfenes Geld. (Ich wurde kurzum angestellt und nach ein paar Monaten ähnlich kurzum entlassen, so wie alle anderen Verkäuferinnen vor und nach mir auch und ich fragte mich ernsthaft, wen die Geschäftsführerin ihre Schriftprobe hatte schreiben lassen.)

Dennoch könnte ich mir gut vorstellen, dass es Ihnen - gerade in so einer Entscheidung - den letzten fehlenden Input geben könnte. Und zwar nicht, um irgendwelche Macken an den Bewerbern offenzulegen, sondern weil es einfach nur noch ein Zünglein an der Waage brauch, das Ihnen die Entscheidung leichter macht.

Wenn Sie es noch etwas unkomplizierter und günstiger, aber mindestens so aussagekräftig haben möchten, dann rate ich Ihnen zu einer gemeinsamen Autofahrt. Laden Sie die BewerberInnen unter einem Vorwand zu einer Autofahrt ein (möglichst in deren eigenen Wagen, weil ein gewisser Heimvorteil bei diesem "Test" noch sachdienlich ist) und beobachten Sie gut, wie sich die beiden hinter dem Steuer benehmen.

Der Fahrstil eines Menschen sagt nämlich sehr viel über seinen Charakter aus. Ist jemand im Verkehr rücksichtslos und hupt, kaum dass die Ampel auf grün ist, so wird er im Berufsalltag auch nicht gerade umsichtig und geduldig handeln. Unser Auto ist eine Erweiterung unseres Wohnraums und dort fühlen wir uns sicher und geschützt. Darum kommen gerade hinter dem Steuer Macken und Angewohnheiten an die Oberfläche, die wir unter Umständen lieber für uns behalten würden. Es ist schon klar, dass man sich mit einer möglichen zukünftigen Chefin auf dem Beifahrersitz etwas zusammenreisst und es vermutlich nicht zu allzu krassen cholerischen Zwischenfällen kommen wird. Aber gleichzeitig ist es erstaunlich, dass man neben der normalen Beanspruchung im Verkehr fast nicht mehr in der Lage ist, sein eigenes Verhalten auf der Metaebene zu kontrollieren.

Machen Sie also ein kleines Ausfährtli und halten Sie die Augen offen! Selbstredend sagt auch die Ordnung oder die Sauerei im Wagen bitzli öppis über den Besitzer aus, aber da bin ich persönlich jetzt eher froh, dass ich mein eigener Chef bin...

Ganz herzlich! Ihre Kafi.

 

 

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