Liebe Kafi,ich mag deinen Blog und schätze deine Antworten sehr. Heute bin ich in einem etwas überfüllten Einkaufszentrum von einem Mitmenschen ziemlich unsanft aus dem Weg geschoben worden. Ich war so erstaunt, dass ich darauf mit dem Mittelfinger reagiert habe. Wer von uns hat sich jetzt - so kurz vor Weihnachten - daneben benommen? Robert, 32

17. Dezember 2013
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Lieber Robert

Je länger, je mehr, scheint mein Blog etwas auf den Hund zu kommen. Zumindest vermitteln mir die letzte Frage und die von Ihnen gestellte, dieses Gefühl. Denn wenn ich Ihrer Frage etwas nachhänge, dann lande ich früher oder später bei einem Köter, der sein Revier mit dem Bepissen von Bäumen, Laternen, Autos, Hauswänden, Fahrrädern, Kinderwagen, Einkaufstaschen,... markiert.

Vielleicht ist der Zusammenhang für Sie nicht gleich ersichtlich, aber das Anrempeln im öffentlichen Raum ist in Tat und Wahrheit nichts anderes, als eine Ausweitung der eigenen Kampfzone, sprich des eigenen Territoriums.

Hunde tun dies vollkommen ungeniert und frei von jeglicher Scham ob dem eigenen Egogewichse. Menschen ebenso, wenn auch in etwas eleganterer Form. Da werden einem im Bus Rücksäcke um die Ohren gehauen, oder aber mit dem Designertäschli freie Sitzplätze blockiert, als wäre die überteuerte Egoerweiterung in Leder ein eigenständiger, zahlender Fahrgast. (Entschuldigung, würden Sie vielleicht unter Umständen, wenn es Ihnen nichts ausmacht bitte Ihre Tasche vom Sitzplatz nehmen, damit ich mich hinsetzen kann, sie saublöde Schlampe mit den Kopfhörern in den Ohren, die vortäuschen sollen, dass sie mich nicht hören???) Wie auch immer es praktiziert wird, es geht eigentlich immer darum, den Raum um sich herum abzugrenzen gegen andere. Und obwohl uns hier in der Schweiz genügend Fläche zur Verfügung steht, sind wir immerfort damit beschäftigt, diese einzuzäunen und zu verteidigen. Sie dürfen dies gerne auch in einem grösseren politischen Kontext verstehen, das ist sehr wohl auch meine Absicht.

Wenn man das grosse Glück hat, in einem Land voller Wohlstand aufzuwachsen und zu leben, dann kann es nämlich passieren, dass man plötzlich das Gefühl bekommt, man hätte diesen Ehrenplatz redlich verdient. Dass es der grosse Zufall ist, dass man auf dem 8. Platz der reichsten Länder das Licht der Welt erblickt hat und nicht die Arschkarte gezogen hat mit dem Land auf der anderen Seite der Statistik (nämlich Sierra Leone), blenden wir dabei grosszügig aus. Anstatt zu teilen verstärken wir die Landesgrenzen und schotten uns und unseren Reichtum gegen Menschen mit weniger Dusel ab.

Die Verteidigung des eigenen Terrains findet demnach im Grossen wie im Kleinen statt. Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass Ihr Erlebnis geringfügig ist! Ich wurde selber einmal beim Einsteigen ins Tram von einem Mann dermassen grob zur Seite geschubst, dass ich nicht anders konnte, als eine Viertelstunde lang auf der Haltestelle stehen zu bleiben und mir die Augen aus dem Kopf zu weinen. Der körperliche Angriff hatte mich dermassen schockiert und in meiner persönlichen Integrität verletzt, dass ich leider nicht imstande war, den Mittelfinger zu mobilisieren. Wenn ich die Chance bekäme, die Zeit zurückzudrehen, dann würde ich dem Rüpel den Finger zeigen und gleichzeitig einen Tritt in Richtung des Gemächts verpassen. Weil dies leider nicht möglich sein wird, muss ich mich damit begnügen, etwas an Ihrer Reaktion zu partizipieren. In diesem Sinne danke ich Ihnen für die vorweihnachtliche Genugtuungsbemühung und grüsse Sie freundlichst!

Ihre Kafi.

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