Liebe Kafi, ich bräuchte da mal einen Arschtritt... Ich bin eine Wuchtbrumme, worunter ich sehr leide. Auch nach gefühlten 50 Ernährungsumstellungen finde ich immer Ausreden, alles hinzuschmeissen. Meine Therapeutin meinte, ich müsse mich zuerst selbst lieben, bevor ich diese "Mauer" loslassen könne. Muss ich denn so lange warten oder benutze ich dies wieder als Ausrede? Traurig, ich übernehme keine Verantwortung für mich. Hast du vielleicht einen Rat? Allenfalls könnte ein Arschtritt helfen... Mimi, 30

23. Oktober 2017
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Liebe Mimi

Kompliment! Sie haben sich eine grossartige Therapeutin ausgesucht und sollten unbedingt mit ihr weiter arbeiten. Wenn Sie bei mir im Coaching wären, würde ich genau gleich mit Ihnen vorgehen. Die allermeisten Menschen sind nicht übergewichtig weil sie zu viel essen, sondern sie essen zu viel, weil Ihnen das zusätzliche Gewicht Schutz verleiht. Darum funktionieren Diäten, Ernährungsumstellung und Sport allein meistens nicht. Der wahre Grund wird damit ja nicht bearbeitet, sondern allerhöchstens die äusserste Symptomatik. 

Mir ist klar, dass Sie schnelle Resultate möchten und wenig Lust darauf haben, dafür in Ihrer Seelenwelt zu kramen. Aber ohne diese Arbeit werden Sie eine Wuchtbrumme bleiben oder aber in der Jojo-Falle gefangen sein. Es gibt hier keine Abkürzung, so leid es mir tut. Sie müssen zuerst herausfinden, wovor Sie sich schützen wollen. Das kann eine Begebenheit aus frühster Kindheit sein, oder ein dummer Anmachspruch in der Pubertät. Eine Unsicherheit, oft fehlendes Selbstvertrauen. Daran sollten Sie zuerst arbeiten und erst dann werden Ihr Körper und Ihr Unterbewusstsein bereit sein, das unnötige Gewicht loszulassen. Sie ziehen den Schwimmring ja auch erst dann aus, wenn Sie sicher schwimmen können und nicht dann, wenn Sie den Schutz der Schwimmhilfe noch brauchen, oder? Genau so ist es mit den überflüssigen Pfunden. Den meisten KundInnen in meiner Praxis fällt es schwer, sich vorzustellen, dass das Übergewicht eigentlich eine gute Absicht (eben Schutz) hat. Aber wenn man diese Tatsache erst einmal aufgedeckt hat, fällt die Arbeit viel leichter. 

Und nun zur Selbstliebe, meine liebe Mimi. Auch damit hat Ihre Therapeutin recht. Erst wenn es Ihnen gelingt, sich selber zu akzeptieren, so wie Sie genau jetzt in diesem Moment sind, werden Sie abnehmen können. Und auch das kann ich Ihnen erklären. Sie haben Ihren Körper mit grosser Sicherheit sehr viele Jahre - vermutlich ab der Pubertät - lieblos behandelt. Sie haben an ihm rumgemäkelt und ihn kritisiert und ihm jeden Tag gesagt, was Ihnen an ihm nicht gefällt. Stellen Sie sich vor, sie würden Ihre beste Freundin seit vielen Jahren so behandeln; denken Sie wirklich, diese würde Ihnen beim Umzug in eine neue Wohnung helfen? 

Warum um Himmels willen sollte Ihr Körper kooperativ sein bei einem Wunsch, den Sie hegen? Hat er einen guten Grund? Nein. Sie haben ihn missachtet und herablassend behandelt. Sie haben ihm nicht gedankt, dass er jeden Tag funktioniert. Dass er - obwohl sie nicht lieb zu ihm sind - gesund geblieben ist und nicht streikt. Haben Sie eine Vorstellung davon, was er alles für Sie erledigt, ohne dafür gelobt und wertgeschätzt zu werden? Es ist, als würde eine ganze Fabrik für Sie arbeiten und es gäbe weder Lohn noch Freizeit als Entschädigung. Denken Sie, die Belegschaft würde Sie unterstützen, wenn Sie mit neuen Ideen kämen? 

Gehen Sie erst einmal alle Abteilungen Ihrer inneren Fabrik durch und schauen Sie sich die erbrachte Leistung einmal gründlich an. Am besten kaufen Sie sich das Buch "Darm mit Charme", das wird Ihnen einen wunderbaren Einblick in Ihr Inneres verschaffen und Sie werden realisieren, welch Wunderwerk Ihr Körper ist. Auch mit zu vielen Kilos auf den Rippen. Diese Leistung werden Sie honorieren lernen, denn sie findet auch dann statt, wenn Sie unzufrieden sind mit dem Rest. Sie werden ein Bewusstsein für Ihre Gesundheit lernen müssen, eine Dankbarkeit für all das, was gut ist. Erst dann wird sich Ihr Fokus wegbewegen von Ihren Makeln und Mängeln. Dann werden Sie Ihre Beine vielleicht immer noch zu stämmig finden aber zumindest anerkennen, dass diese Beine Sie bereits 30 Jahre durchs Leben tragen. 

Wenn Sie diese Dankbarkeit erlangt haben und imstande sind, sich in diesem Licht zu sehen, dann werden Sie abnehmen können. Davor nicht. Und ja, das ist Ihre eigene Verantwortung. Es ist Ihr Körper und es wird bis zu Ihrem Tod der einzige bleiben. Sie können sich heute noch mit ihm auseinandersetzen und ihn akzeptieren lernen, oder den Rest des Lebens mit ihm auf Kriegsfuss stehen. Das ist allein Ihre Entscheidung. 

Und darum bekommen Sie von mir keinen Fusstritt. Den müssen Sie sich schon selber geben. 

Herzlich, Ihre Kafi

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