Liebe Kafi Ich bin beruflich selbständig/etabliert und gewollt kinderlos. Ich hatte vier wichtige, längere Beziehungen in meinem Erwachsenenleben (24-53). Die erste und neuste (seit 8 Jahren) waren bzw. sind die besten ever: Intellektuell und sexuell befriedigend. So what? Ich dachte, das Thema sei erledigt, aber: Ist mein  emanzipierter Mann beruflich im Stress, erwartet er, dass ich meine Bedürfnisse hinten an stelle bzw. ihn nicht mit diesen zusätzlich strapaziere. Wo sind wir hier? Amelie, 53

04. November 2017
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Liebe Amelie

Als ich Ihre Frage las, musste ich spontan an eine Diskussion in einer meiner Männerbeziehungen denken, in der es darum ging, dass er sich damit rühmte, mir im Haushalt zu helfen. Zu diesem Zeitpunkt bezahlte ich mehr als 50% an die gemeinsamen Kosten obwohl ich faktisch weniger verdiente als mein damaliger Partner und er wunderte sich sehr als ich ihm sagte, dass ich nicht will, dass er mir im Haushalt hilft. Vermutlich hatte er eine Nanosekunde lang das Gefühl, die perfekte Frau gefunden zu haben, aber die Freude hielt nicht lange an. "Ich will nicht, dass Du mir im Haushalt hilfst. Ich will, dass Du mindestens die Hälfte davon eigenverantwortlich übernimmst", sagte ich. 

Wir mussten das sehr lange ausdiskutieren, obwohl er ein sehr fortschrittlich denkender Mann ist und keinesfalls ein Macho oder Ähnliches. Ich musste ihm erklären, dass die Sache bereits an der Formulierung hapert und ich nicht die Verantwortung für einen gemeinsamen Haushalt übernehme, solange ich nicht als Hausfrau fungiere und er das Geld anschafft. Mich wunderte, wie viel Energie ich für diese Klarstellung benötigt habe, aber sie hat Wunder gewirkt. Diese Aufteilung war in seinem Kopf sprachlich tief verankert und das ist sie noch in vielen Köpfen. Und das ist auch kein Wunder. Schliesslich ist es noch nicht lange her, dass die Aufteilung meistens so geregelt war. 

Und ich glaube, genau dort liegt der Hund begraben. Auch in Ihrem Beispiel. Ich gehe davon aus, dass Ihr Partner in einem ähnlichen Alter ist, wie Sie es sind. Mit grosser Sicherheit ist er auch in einem klassischen Familienmodell aufgewachsen und selbst wenn ich falsch liege, war es mit grosser Sicherheit seine Mutter, die mit ihm zum Arzt ging. Ich wähle dieses Beispiel ganz bewusst, weil es ein guter Trick ist, eine solidarische gleichberechtigte Rollenverteilung zwischen Mann und Frau auf Herz und Nieren zu testen. Wann immer eine Frau oder ein Mann bei mir in der Praxis sitzt und behauptet, dass man Haushalt und Kinderbetreuung vollkommen gleichberechtigt aufgeteilt hat, stelle ich die Frage, wer mit dem kranken Kind zum Arzt fährt und es daheim umsorgt. Und fast immer ist es die Mutter, selbst wenn diese gleich viel oder sogar mehr arbeitet, als der Vater. 

Oft ist diese Einsicht für die Mütter nicht ganz einfach. Sie haben bis dahin mit dem Gefühl gelebt, dass alles gleichberechtigt läuft und müssen sich dann eingestehen, dass sie diese Tatsache niemals hinterfragt, geschweige denn beanstandet haben. Und genau das ist das Problem. Die meisten Frauen übernehmen solche Back-up Aufgaben, ohne gross darüber nachzudenken. Sie fordern nicht ein, dass der Mann diese übernimmt, weil es auch in ihren Köpfen so verankert ist. 

Mag sein, dass wir in einer angeblich sehr aufgeklärten Zeit leben. Aber die Phasen in der Höhle und die hinter dem Herd liegen noch nicht wirklich lange zurück. Wir stecken noch in alten Denkmustern fest und wir müssen tagtäglich aufmerksam im Umgang mit ihnen sein. Sie beschreiben Ihr Beziehung als intellektuell und sexuell befriedigend. Das ist eine grossartige Ausgangslage, um sich gemeinsam diesen Denkmustern zu stellen. Sie werden gemeinsam darüber reden, ja vielleicht sogar streiten müssen. Ich weiss, dass das für uns Frauen bisweilen verletzend sein kann, weil wir uns nicht voll ernstgenommen fühlen, wenn wir dafür kämpfen müssen, die wahre Gleichberechtigung leben zu können. Aber meistens liegt keine böse Absicht hinter diesem Verhalten, sondern fehlende aktive Reflexion. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass er vor der Beziehung mit Ihnen weniger mit der Thematik Gleichstellung konfrontiert war und sich darum auch nicht damit auseinandersetzen musste. Nun bietet ihm eine berufliche etablierte und unabhängige Frau die Stirn, das ist nicht nur angenehm. 

Und genau dazu würde ich Ihnen raten, liebe Amelie. Bieten Sie Ihrem Partner Paroli und fordern Sie ihn heraus. Sie haben eine intellektuelle Basis und auf dieser lässt sich wunderbar diskutieren. Scheuen Sie diesen Diskurs nicht, er ist Basis einer Beziehung auf Augenhöhe. Damit sie gestärkt in das Gespräch steigen können, müssen Sie sich über Ihren Anspruch im Klaren sein. Viele Frauen reden zwar über Gleichstellung, haben aber nicht die Eier, diese einzufordern, weil sie insgeheim ein Problem mit ihrem Selbstwert haben. Nur wer sich seines eigenen Werts bewusst ist, kann sich kongruent und überzeugend für sich selber einsetzen. 

Alles Liebe für Sie! Herzlich, Ihre Kafi 

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