Liebe Frau Freitag, wie lehre ich meinen drei Töchtern sich in der Männerwelt zu behaupten, ohne dass Prinzipien wie Respekt und Freundlichkeit zu sehr aussen vor gelassen werden? Eigenartigerweise konnte ich ihnen Respekt und Freundlichkeit vermitteln, dies fiel mir sogar sehr leicht. Es gelang mir aber bisher nicht, ihnen zu zeigen, wie man mit harten Bandagen kämpft und sich (im Moment noch) gegen Lausbubenstreiche und (später vielleicht) gröberen Übergriffen wehrt. Herzliche Grüsse! Iris, 35

24. September 2017
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Liebe Iris

Ihre Frage ist grossartig, weil so wichtig und spannend und überhaupt! Danke dafür!

Wenn es Ihnen mit Leichtigkeit gelungen ist, Ihren Töchtern Respekt und Freundlichkeit zu vermitteln, dann mit grosser Sicherheit, weil Sie diese Werte selber leben und verkörpern. Und hier liegt auch schon die Antwort zur Frage selbst: Das Kämpfen mit harten Bandagen und sich gegen Streiche und Übergriffe wehren, ist vermutlich weniger Ihr Ding, weil sonst könnten Sie es hier ja auch, liege ich richtig?

Darum würde ich die Töchter im Moment mal aussen vor lassen und mich stattdessen selber mal mit diesen Qualitäten auseinandersetzen. Worum geht es genau? Was genau will ich mit harten Bandagen erreichen? Und wie wehre ich mich gegen allfällige Übergriffe? Stehe ich ein für meine Meinung und meine Werte? Viele Fragen, ich weiss. Aber es ist wichtig, dass man die Antwort darauf kennt. 

Und sich dabei beobachten, wie man Töchter bewertet. Darf meine Tochter ungeniert nein sagen? Darf sie sich vollkommen daneben benehmen und unangepasst sein? Darf sie laut sein und frech, oder soll sie möglichst dem Bild eines artigen Mädchens entsprechen? HIER legen Sie die Weichen für die Zukunft Ihrer Kinder. Meine Eltern haben vieles verhauen, aber eines haben sie vollkommen unbewusst richtig gemacht: Ich wurde nicht als Mädchen erzogen. Ich musste nie hübsch sein und gefallen, ich hatte keine schönen Kleider und meine Haare waren nie Thema. Im Prinzip bin ich aufgewachsen wie ein Junge und das kommt mir heute massiv zugute. Ganz ohne harte Bandagen erklimme ich meine Ziele und ich verhandle bessere Honorare, als meine männlichen Mitstreiter. Was ich mir zutraue, erreiche ich. 

Freundlichkeit und Respekt sind sicherlich wichtige Tugenden und es fällt den meisten Müttern leicht, diese zu vermitteln. Aber liegt nicht genau dort der Haken an der Sache? Mädchen sollen möglichst freundlich sein und artig, aber gleichzeitig für sich einstehen. Irgendwie sind das Eigenschaften, die nicht ganz einfach miteinander zu kombinieren sind. Wir Frauen bekommen von früh an vermittelt, dass wir gefallen sollen. Wir lernen selten, den uns zustehenden Raum einzunehmen, stattdessen benehmen wir uns wie Püppchen, sobald es drauf ankommt. Ich beobachte sehr oft Menschen und mir fällt immer wieder auf, wie Frauen sich verändern, sobald ein Mann den Raum betritt. Die meisten stellen den Kopf sofort schräg, legen ein anschmiegsames Verhalten und ein devotes Lächeln auf und reden leiser und höher, als davor. Sie werfen sich mit diesem Verhalten praktisch wie ein kleines Hündchen auf den Rücken und warten darauf, dass man sie am Bauch krault. 

Dieses Gebaren sitzt tief in uns Frauen verankert und ich staune immer wieder, dass es auch bei höchst erfolgreichen Exemplaren vorhanden ist. Selbst toughe Businessfrauen wollen in letzter Konsequenz oft gefallen und nehmen sich dafür auf seltsame Weise zurück und machen sich kleiner, als sie eigentlich sind. Sie sind dann eben freundlich, höflich und respektvoll, anstatt fordernd und selbstbewusst. 

Wir sollten unseren Töchtern nicht einreden, dass sie sich vor Männern in acht nehmen sollen, weil wir damit einen sehr nachhaltigen Schaden anrichten. Ich habe in meiner Coachingpraxis oft mit Frauen zu tun, die noch unbewusst einen alten Glaubenssatz mit sich herumtragen, den sie von der verlassenen und frustrierten Mutter oder der Grossmutter mitbekommen haben und sich wundern, warum es mit dem Vertrauen nicht klappen will. Darum müssen wir sehr behutsam und bedacht sein wenn es darum geht, was wir unseren Kindern mit auf den Weg geben wollen. 

Ich bin Mutter eines Sohnes, aber ich würde auch einem Mädchen die gleichen Werte vermitteln: Steh für Dich ein. Kämpfe für Deine Überzeugungen. Lass Dir nicht sagen, was Du kannst und was nicht. Geh Deinen Weg, unbeeindruckt davon, was andere von Dir halten. Gefalle Dir, nicht andern. 

Mir gelingt das gut, weil ich diese Werte selber lebe und meinem Sohn vorlebe. Ich stehe für mich ein, ich kämpfe für meine Überzeugungen. Und ich entscheide, was ich mir zutraue und was nicht. Und wenn das anderen nicht gefällt, dann ist das deren und nicht mein Problem. Ich kann alles erreichen, was ich mir zutraue. Und ich traue mir verdammt viel zu. (Was alles, können Sie hier nachlesen.)

Gehen Sie zuerst selber über die Bücher und werden Sie sich bewusst, wo Sie als Frau und Mensch stehen. Sie können sich noch so vornehmen, Ihren Töchtern schöne Überzeugungen mit auf den Weg zu geben, wenn Sie sie nicht selber vorleben, ist es vertane Liebesmüh. 

Von Herzen, Ihre Kafi

 

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