Liebe Frau Freitag. Seit ich 6 Jahre alt war, hat meine Mutter Krebs. Ich habe stets alles mitbekommen – das Erbrechen, die Ohnmachten. Ich habe damals nichts verstanden, aber ein undefinierbares schlechtes Gewissen entwickelt, das mich stets plagt. Vor jeder OP, die sie heute noch hat, habe ich das Gefühl, zusammenzubrechen. Über die Jahre ist mir die Unbeschwertheit abhanden gekommen und mein Vertrauen in mich selber ist geschrumpft. Ich bin blockiert und weiss nicht weiter. Weisst du Rat? Sonja, 32

14. Mai 2017
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Liebe Sonja

Wenn ich mir vorstelle, was Sie als Kind alles erlebt haben, tut mir das furchtbar leid. Es muss unglaublich schwierig für Sie gewesen sein, mit all diesen Ängsten und den bedrohlichen Umständen umzugehen. Schliesslich sind die Eltern das Wichtigste für ein Kind in diesem Alter und da ist eine kranke Mutter sehr schwer zu verkraften. Irgendwie wird man dadurch auch um die Unschuld der Kindheit beraubt, schliesslich ist alles Unbeschwerte auf einmal weg. Für immer. Darum haben Sie sie auch heute nicht in Ihrem Leben. Das ist nur logisch. 

Was Sie mir beschreiben, klingt ganz stark nach einem Trauma. Sie haben in diesem sehr jungen Alter Dinge erlebt, die sie nicht richtig verstehen und einordnen konnten und die nun in Ihrem System stecken, als wäre es gerade gestern passiert. Wenn Sie nun heute in eine ähnliche Situation kommen, zum Beispiel, wenn Ihre Mutter wieder ins Krankenhaus muss, dann kommen all die Gefühle und Ängste von damals wieder hoch. Sie haben in so einem Fall wenig Chancen, mit dem Verstand daran arbeiten zu können. Das Erlebte und die Gefühle, die Sie heute haben, sind nicht rational. Darum kann man Ängste ganz oft nicht in einer Gesprächstherapie beikommen, da braucht es eher Arbeit auf der Körperebene. 

In meiner Praxis arbeite ich an solchen Themen mit Wingwave. Das ist eine Technik, die sich in der Traumabewältigung sehr bewährt hat. Dabei werden die schnellen rechts-links Augenbewegungen der REM-Schlaf-Phase im Wachzustand simuliert und beide Hirnhälften zur Zusammenarbeit aufgefordert. Die eine Hirnhälfte ist eher analytisch und unter anderem für die zeitliche Orientierung zuständig und die andere für Musisches und Gefühle.

Ein Trauma zeichnet sich dadurch aus, dass etwas, was unter Umständen vor langer Zeit passiert ist, auch in der Gegenwart noch Reaktionen auslöst, als wäre es erst kürzlich passiert. Wenn man nun beide Hirnhälften dazu bringt, sich einem solchen Thema anzunehmen, dann kann ein Erlebnis aus der Vergangenheit wieder dort abgelegt werden, wo es zeitlich geschehen ist. Dadurch wird das Erlebte natürlich nicht gelöscht, es besteht weiterhin in vollem Umfang. Aber der Bezug und die Wahrnehmung dazu verändern sich. Genau so, wie ein nicht traumatisches Erlebnis in der Erinnerung bestehen bleibt, ohne dass es noch in die Gegenwart hinein wirkt. 

Darum würde ich Ihnen zu einer Begleitung in diesem Rahmen raten. Sie können einen Coach suchen, der sich mit Wingwave gut auskennt oder aber einen Therapeuten/Psychologen, der mit EMDR arbeitet. Die Technik ist im Prinzip die Gleiche. 

Ich hoffe sehr, dass es Ihnen gelingt, diese belastenden Gefühle besser zu meistern. Und in diesem Sinne: Alles Liebe. 

Ihre Kafi. 

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