Liebe Frau Freitag, als erstes möchte ich sagen, dass ich verdammt froh bin Ihren Blog gefunden zu haben! Ich wüsste nämlich derzeit nicht, wem ich meinen Durcheinander im Kopf erzählen könnte. Ich komme aus einem eher kleinen Dorf. So ein Dorf, in dem jeder alles vom anderen weiß und alles gleich eine rießen Katastrophe ist, wenn man es noch nicht kennt oder noch nie live miterlebt hat. Nunja, eig. geht es weniger um mein Dorf als um die Tatsache, dass ich mich deshalb niemanden anvertrauen kann .. Ich bin Single. Nicht, weil ich (soweit ich das beurteilen kann) hässlich bin oder ein Emotionaler Krüppel, sondern weil ich nicht mal sicher weiß, was bzw. wen ich denn eig will. Ob Mann oder Frau. Ich finde beides anziehend. Näheren Kontakt hatte ich bis jetzt aber erst mit den männlichen Wesen. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich das anstellen sollte .. Eine passende Frau zu finden. Selbst wenn ich sie gefunden hätte würde ich mich wahrscheinlich nicht trauen, sie jmd vorzustellen. Vllt bin ich aber auch einfach nur zur Zeit im grübeln und in Wirklichkeit steh ich einfach doch nur alleine auf Männer? Wie finde ich denn raus was wirklich zu mir passt? Oder wer? Momentan fühlt es sich so an, als ob ich jetzt schon eine endgültige Lösung parat haben müsste, die dann für mein Leben lang gilt ... Isabelle, 19

18. Dezember 2012
0 comments

Liebe Isabelle

Es freut mich sehr, dass Sie sich mit Ihrer Frage an mich wenden. Weil ich kenne Ihre Situation nur zu gut. Ich komme ja selber auch vom Dorf und kann darum gut nachvollziehen, wie Sie sich fühlen. Wenn man in einem kleinen Ort aufwächst, kennt man automatisch jeden und jeder kennt einen. Und wen man nicht persönlich kennt, der singt mit dem Vater im Kirchenchor oder besucht zusammen mit der Mutter den Samariterverein. Es ist furchtbar und schrecklich einschränkend. Speziell dann, wenn man noch so jung ist wie Sie und sich eigentlich in der Experimentierphase befindet. Aber wer mag schon mutig sein und Dinge ausprobieren, wenn man sich vom ganzen Dorf beobachtet fühlt? Denn ein junger Mann, der sich bachelorgleich von Dame zu Dame küsst, gilt noch immer als toller Hecht, während eine junge Frau, die das gleiche tut, schnell als Schlampe abgestempelt wird.

Das alles kann ich gut verstehen und darum bin ich auch sehr früh vom Dorf weg in die nächstgrössere Stadt gezogen. Auch dort wurde es mir aber bald zu eng und seither wohne ich in Zürich. Zürich ist zwar in mancher Hinsicht auch ein Dorf und auch hier kenne ich inzwischen viele Menschen, aber mittlerweile bin ich erwachsen und kann tun und lassen was ICH will. Das ist bei Ihnen noch etwas anders und darum wäre es sicher von Vorteil, wenn Sie einen Zufluchtsort hätten, an dem Sie weniger unter Beobachtung stehen und herausfinden können, wer Sie wirklich sind.

Sie sind ein junger Mensch, der an der Schwelle vom Teenager zur jungen Frau steht und da ist es vollkommen normal, das man noch nicht so genau weiss, wonach einem der Kopf steht. Das müssen Sie auch noch nicht, im Gegenteil! In Ihrem Alter darf man Ausprobieren, Dinge wagen und Fehler machen. Es ist sogar wichtig, das alles zu tun, weil man danach besser weiss, wer man selber ist und was man eigentlich will. In Ihrem Alter habe ich Frauen und Männer geküsst und ich fand beides gleichermassen spannend. Inzwischen küsse ich lieber Männer, aber ich finde Frauen nach wie vor höchst attraktiv und unter dem Strich oft souveräner als Männer, aber das ist ein Thema für eine andere Frage.

Sie sollten versuchen, Druck aus Ihrem Leben zu nehmen. Wenn Sie mir schreiben, dass Sie 19 Jahre alt und Single sind, dann befremdet mich das nämlich sehr. Wenn Sie dann auch noch das Gefühl haben, diesen "Zustand" erklären zu müssen, dann macht es mich schon fast ein wenig traurig. Selbstverständlich sind Sie kein emotionaler Krüppel und mit Sicherheit nicht hässlich. Sie sind einfach noch sehr sehr jung und es ist vollkommen normal, dass man da noch nicht den Mann oder die Frau fürs Leben gefunden hat! Darum geht es auch gar nicht, in diesem Alter, das wäre ja vollkommen verrückt.

Es geht einzig und allein darum, herauszufinden, was man mag und was man weniger mag. Sie werden in Ihrem Leben noch einige Frösche küssen müssen, bis sich einer davon in einen Prinz, oder eine Prinzessin verwandeln wird. Krötenschleim pflastert meinen Weg; ich weiss, wovon ich rede. Selbstredend ist es aber sinnvoller, wenn Sie ortsunkundige Frösche küssen, als die vom eigenen Teich. Besser noch sind städtische Exemplare, deren Unkenrufe hört man nicht bis aufs Dorf.

Suchen Sie sich also einen guten Vorwand, um sich ausserhalb Ihrer Gemeinde aufzuhalten. Ein Verein oder irgendein Kurs in der nächsten Stadt sind eine gute Möglichkeit, den Radius zu erweitern und neue Menschen kennen zu lernen. Lassen Sie sich Zeit und gehen Sie unbeirrt Ihren Weg. Dieser muss nicht zwingend gradlinig sein, im Gegenteil. Umwege erhöhen die Ortskenntnisse und das Leben ist ein immerwährendes Abenteuer ohne klares Ziel.

Gehen Sie beherzt und mutig durch Ihr Leben und gönnen Sie sich Fehler! Alles Liebe! Ihre Kafi.

Kommentare zu dieser Antwort