Ich versteh Zürich immer wieder nicht: Warum das Theater, der Druck, der Neid, der Streit um Kleinigkeiten? Es zählt doch, gesund zu sein, Liebste zu haben, gesunde Kinder zu haben, ein wenig einen Beitrag zu leisten irgendwie und irgendwo. Woher kommt das? Ich will den Leuten nicht unterstellen, dass es ihnen zu gut geht. Ernsthafte Frage. Kafi Freitag, hast du eine Antwort?

19. Oktober 2014
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Liebe Olivia

Wenn Sie den Menschen nicht unterstellen wollen, dass es ihnen zu gut geht, dann mache ich es halt. Ich glaube nämlich wirklich, dass es den allerallerallermeisten in unserem Land sehr gut geht. Wenn nicht eben sogar zu gut.

Und statt sich darüber zu freuen, schaut man dann kurz links und kurz rechts und gibt acht, dass da auch ja keiner ist, dem es augenscheinlich noch etwas besser geht. Ich schreibe ganz bewusst "augenscheinlich". Weil das reicht dann meistens auch. Der Anschein, dass es da jemandem gut geht. Welcher Einsatz oder Verzicht dahinter stecken mag, interessiert nämlich keinen.

Wenn da jetzt also so ein augenscheinlich noch glücklicher auftaucht, dann ist es mit dem eigenen Glück auch schon wieder dahin. Dann wird verglichen und abgeschätzt. Und nicht selten wird aus dem Abschätzen dann was Abschätzendes. Nämlich Neid und Missgunst und sonst noch viel Hässliches. Ein gesundes Kind meinen Sie, sollte reichen zum Glück? Dann setzen Sie sich mal an den Rand eines bevölkerten Sandkastens und beobachten Sie, wie Mütter ihre gesunden Kinder miteinander vergleichen. Da geht es nicht mehr um gesund, oder nicht gesund. Da geht es darum, welches "besser" schläft, besser redet, besser IST. (Wie es inmitten dieses Leistungskampfes Eltern mit einem Kind mit Behinderung ergehen muss, kann ich nur erahnen.)

Warum das so ist, kann ich auch nicht genau erklären. Aber es ist etwas sehr Schweizerisches. Darum haben wir hier auch kaum Stars. Das ­Mittelmass mag kein überdurchschnittlich verkraften. Kaum wächst ein Gräslein über die anderen hinweg, holt der stramme Schweizer seinen Elektrorasenmäher und mäht es auf die Länge der anderen zurück. Das ist eine sehr traurige Angewohnheit der Schweizer. Weil das ­Mittelmass ist auch furchtbar langweilig und eben, wie der Begriff selber schon sagt, furchtbar ­mittelmässig.

Die Alternative wäre, sich selber höhere Ziele zu setzen und sich etwas mehr gegen die Sonne zu strecken. Aber das ist vielen zu anstrengend. Da scheint es dann doch weniger aufwendig, den anderen kleiner zu machen, als sich selber ­grösser. Im Irrglauben, dass man dann halt doch ein wenig bedeutsamer wirkt, wenn der andere um Kopfesbreite gestutzt wird. Das Ziel ist es, sich innerhalb der mittelmässigen Bandbreite an oberster Front zu bewegen, ohne darüber hinaus zu ­schiessen.

So ist das hier in Zürich, liebe Olivia. Ob es in anderen Städten genau so ist, kann ich nicht beurteilen. In anderen Ländern ist es mit Sicherheit weniger ausgeprägt. In den USA darf ein Mensch scheitern und wieder neu anfangen. Oder zum Star avancieren. Das habe ich hier noch sehr selten erlebt.

Kürzlich habe ich ein Sprichwort gelesen, dass ich lange Zeit vergessen hatte. Nämlich, dass man sich Neid erarbeiten muss. Das mag als schwacher Trost für alle Beneideten dienen, aber welche schwache Motivation steht hinter den Heerscharen von Neidern?

Mit herzlichem Gruss und ebensolchem Dank für diese tiefsinnige Frage. Ihre Kafi.

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