Ich stehe nicht zum ersten mal vor einer wichtigen Entscheidung. Ich weiss sicher, dass eine Bekannte von mir betrogen wird. Soll ich es ihr sagen? Es ist keine enge Freundin, aber man kennt sich halt. Das ist nicht das erste mal, dass ich in dieser Situation bin. Damals habe ich geschwiegen. War das feige? Denise, 42

28. Dezember 2014
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Liebe Denise

Wer meinen Blog ­regelmässig liest, ­weiss, dass ich eine grosse Verfechterin der Wahrheit bin. Selbst dann, wenn sie wehtut. Und das tut sie halt leider noch oft, die liebe Wahrheit.

Aber hier ist das Ganze etwas komplizierter. Weil es in der Liebe eben auch selten ganz einfach ist. Und Sie schreiben ja selber, dass es sich um eine Bekannte, und keine enge Freundin handelt. Das macht das Ganze noch viel schwieriger. Schliesslich haben Sie KEINE Ahnung, was bei den beiden abgeht. Kann schon sein, dass die Frau das hintergangene Opfer und der Mann der böse Fremdgeher ist. Aber es gibt ebenso mindestens 1000 andere Versionen, die auch stimmen können.

Was, wenn die beiden eine offene Beziehung führen? Oder sich in einem Prozess befinden, in der sie herausfinden wollen, wohin die Ehe weiter führen soll? Vielleicht weiss sie ja auch davon und hat sich damit arrangiert. Ein Zustand, den ich übrigens sehr oft beobachte. Viele Frauen ahnen, dass da nebenher noch was läuft, wollen es aber nicht allzu genau wissen. Weil das sonst Konsequenzen nach sich ziehen könnte, die man dann lieber doch nicht möchte. Er ist schliesslich ein guter Vater und treu sorgender Ehemann, will man das wirklich alles aufgeben und der Sache auf den Grund gehen?

Aus der Geschichte wissen wir nur zu gut, dass der Überbringer von schlechten Nachrichten meistens geköpft wird. Und trotzdem gibt es Situationen, in denen man nicht die Klappe halten sollte. Da ich selber auch schon in dieser wirklich doofen Lage war (nur hier war es umgekehrt, die betrog ihn und er himmelte sie unglaublich an), habe ich für mich selber eine goldene Regel geschaffen. Und die lautet so:

Wenn mir die Person so nahe steht, dass ich sie nach der Trennung, die aus dieser Nachricht ja resultieren könnte, für 2 Wochen bei mir wohnen ­lassen würde, dann sage ich ihr, was ich weiss. Wenn nicht, halte ich einfach mal meine Klappe und kehre weiter vor meiner eigenen Haustür.

Sie können diese Faustregel jetzt vielleicht doof finden. Aber für mich funktioniert sie zu 100 %. Den nur so bin ich davor gefeit, mich in Dinge einzumischen, die mich ganz schlicht und ergreifend nichts angehen. Die Liebe hat so viele Gesichter und ich ­masse mir nicht an zu urteilen, wie diese auszusehen haben. Und überdies schützt sie zuverlässig vor Aktionen, die nicht nur von reinem Altruismus geprägt sind. Denn nicht selten werden solche Beobachtungen von Schadenfreude flankiert. Und es wäre wirklich sträflich, wenn man aus solch zwar menschlichen, und doch niederen Motiven, eine Beziehung sprengen würde.

Ich hoffe sehr, dass meine Antwort Sie etwas aus der Bredouille holt. Und grüsse Sie herzlich!

Ihre Kafi

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