Lieber Herr Wampfler
Es freut mich sehr, dass Sie sich die Zeit nehmen, mich danach zu fragen, anstatt auf Ihrem eigenen Blog zu schreiben, dass ich einen apolitischen Stilbegriff konstruiere. Ich kann nur die Fragen beantworten, die man mir stellt. Wenn es eine Frage ist, wie man jünger aussehen kann, wenn man sich jünger fühlt, dann ist das sicher unpolitisch, aber ich führe ja auch keinen Politikblog.
ABER ich rede gerne und viel über Politik. Ich wuchs zwar in einem Haushalt ohne Design auf, aber dafür mit einem Deutschen Vater, dem man zweimal den Schweizer Pass verweigert hat. Werden sie da mal apolitisch…
Aber nun zu Ihrer Frage, ob sich gebildete, urbane Menschen eine politische Meinung bilden sollten. Dazu sage ich klar JA. Und nicht nur gebildete, urbane, sondern alle in der Schweiz lebenden Menschen. Weil wir in einer direkten Demokratie leben und weil diese nur funktioniert, wenn sich jeder daran beteiligt. Unsere direkte Demokratie wird weltweit gelobt und als fortschrittlich bezeichnet. Das ist schön und gut. Aber wenn Abstimmungen sind, geht keiner hin. Das ärgert mich grenzenlos, muss ich Ihnen sagen. Und mich ärgert auch, dass Menschen, die zwar in der Schweiz leben und arbeiten und Steuern zahlen, aber nicht Im Besitz unseres hübschen roten Passes sind, nicht aktiv mitreden, sprich: wählen dürfen.
Zu Ihrer zweiten Frage, ob ebendiese urbanen und gebildeten Menschen einen Teil ihrer Energie und Zeit dafür aufwenden sollen, die Welt (politisch) zu einer besseren zu machen, sage ich ebenso klar NEIN. Das muss keiner. Ich habe mich in diesem Jahr selber damit auseinandergesetzt, ob ich mich in der Politik aktiv beteiligen soll und ich habe mich dagegen entschieden. Weil ich meine Zeit und Energie nicht im Namen einer Partei und für ein Parteiprogramm investieren möchte. Ob ich finde, dass man seine Energie und Zeit dafür einsetzen sollte, die Welt zu einer besseren zu machen? AUF JEDEN FALL. Und zwar jeden Tag und wo immer möglich. Und Sie werden mir jetzt wieder Oberflächlichkeit vorwerfen, aber es beginnt tatsächlich damit, dass man auf der Strasse jemandem in die Augen schaut und ihm ein Lächeln schenkt.
In diesem Sinne; danke für Ihre Frage.
Kafi
<3 wunderbare antwort, ich liebe klare statements <3
Danke für die prompte Beantwortung – Sie haben sehr Recht: Ich hätte Sie direkt fragen sollen, anstatt mit einer Kritik zu beginnen.
Ich bin auch der Meinung, dass ein Engagement im »System Politik« denen vorbehalten sein soll, die sich dafür begeistern können. Aber daraus leitet man dann meiner Meinung nach – Sie haben diesen Einwand ja schon vorhergesehen – vorschnell ab, es sei mit einem Blick in die Augen, einem Lächeln (und dem eigenen Wohlbefinden in Bezug auf das Toaster-Design) getan. Ich kenne Sie nicht und will diesen Vorwurf nicht Ihnen machen, sondern eher gewissen Bekannten: Es gibt auch andere Möglichkeiten als Unterschriften zu sammeln und für die Kreisschulpflege zu kandidieren, um dafür zu sorgen, dass sich nicht wenige überarbeiten, um sich daneben mit Luxusproblemen zu quälen – und viele ihre existenziellen Bedürfnisse nicht decken können.
Nein, getan ist es mit dem Blick und dem Lächeln nicht. Aber es ist ein Anfang. Und meiner Meinung nach fängt man am besten mit kleinen Dingen an. Sich in der Schlange an der Migros-Kasse gegenseitig saures geben und dann vom Weltfrieden reden ist für mich illusorisch.
Liebe Kafi, lieber Philippe Wampfler,
als 20-jähriger hätte ich jene am liebsten erwürgt, welche sagten, alles sei Politik. Heute beginne ich zu ahnen, was sie damit meinten. Die Politik beschäftigt sich mit dir, ob sie dich kümmert oder nicht. Viele politischen Entscheidungen betreffen früher oder später einen oder mehrere Aspekte unseres Alltags. Insofern ist es gut, wenn man für die Menschen auf der Strasse dann und wann noch ein Lächeln übrig hat
Das Gefühl der Machtlosigkeit wird man vielleicht nie ganz los, wenn man sich nicht in den obersten Etagen der Classe politique bewegt. Doch sie nimmt sehr schnell merklich ab, je mehr man sich mit Politik beschäftigt.
Der springende Punkt ist jedoch, dass jede/r für sich das Gefühl los wird, Politik sei etwas Staubiges und zugleich Ätzendes. Es kann Spass machen. Je nach dem, wie man es macht.
Und dann noch zu einem Detail, das Philippe erwähnte: Unterschriften sammeln ist nicht das schlechteste. Jedenfalls komme ich so mit vielen Leuten ins Gespräch. Meistens beginnen diese Gespräche so: “Ich bin politisch überhaupt nicht interessiert!”, gefolgt von mehr oder weniger spezifischen Tiraden über die einen oder die anderen Politiker und Innen. Aha. So klingt Kein-Interesse.
liebe leute,
alles politische beginnt und endet mit der verantwortung. demokratie bedeutet nicht nur, teilnehmen zu dürfen. es bedeutet auch, dass alle, die das privileg haben, abstimmen gehen zu dürfen, dafür verantwortlich sind, was mit unserem land & allem mit ihm zusammenhängenden geschieht. mit jedem RECHT kommt eine gleichwertige PFLICHT. man kann darüber streiten, ob’s fair ist, mitverantwortung für die geschicke eines landes über das allgemeine stimmrecht aufgebürdet zu kriegen; so, wie die dinge stehen in der schweiz, bleibt allerdings eine tatsache, dass auch mitbestimmt, wer sich enthält.
in diesem sinne: wir sind alle politisch. die verantwortung verschwindet nicht, wenn man keine zettel einwirft.
dario